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 Betreff des Beitrags: Rezension: Radcliffe Hall - Quell der Einsamkeit
BeitragVerfasst: 18. Nov 2010, 09:37 
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Admina
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Wohnort: Berlin
Geschlecht: weiblich
Titel: guter Admin
Zum Inhalt:
Eine englische Graftschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert - Sir Phillip und seine junge Frau Anna führen ein wohlsituiertes Leben auf einem großen Gut. Ihre Ehe ist harmonisch, zur Vollkommenheit ihrer Existenz fehlt ihnen einzig ein Kind. Als der erhoffte Nachwuchs sich schließlich einstellt, ist dies jedoch nur scheinbar die Erfüllung ihrer Träume, und dem großen Ereignis folgt bald die Enttäuschung. Nicht nur, dass Anna statt des gewünschten Stammhalters einem Mädchen das Leben schenkt; dieses Mädchen besitzt weder weiblichen Anmut, noch benimmt sie sich eines Mädchens angemessen. Sie verabscheut die von der Mutter aufgezwungenen Kleider und träumt bereits als Kind davon, Heldentaten wie Admiral Nelson zu vollbringen. Unfähig, sich der Etikette der feinen Gesellschaft anzupassen, entwickelt sie stattdessen bald sportlichen Ehrgeiz und glänzt mit Höchstleistungen im Reiten und Fechten.
Von Beginn an ist sie sich ihres Andersseins bewusst, ohne eine Erklärung dafür zu finden. Sie geht durch eine Zeit voll innerer Zerrissenheit und Schuldgefühle, seit sie zunächst für ihre Gouvernante schwärmte und sich schließlich unsterblich in eine junge Frau verliebte. Eines Tages erkennt sie schließlich: sie ist eine Invertierte, die das Kainsmal der Anomalie besitzt. Das bedeutet das Ende ihres besiherigen Lebens, denn in der Adelgesellschaft ist von nun an kein Platz mehr für sie, und der Zutritt zur Welt der "Normalen" bleibt ihr verschlossen.

Zur Autorin:
Radcliffe Hall wurde 1880 als Marguerite Hall geboren. Streckenweise ähnelt ihr Lebenslauf dem ihres Charakters Stephen stark - der Vater verlässt die Mutter bereits vor der Geburt, diese kann das Unglück nicht überwinden und hasst ihre Tochter. Marguerite trägt mit Vorliebe Jungskleidung und verliebt sich mit 20 Jahren in eine 50jährige. Von nun an wird sie vom Umfeld gemieden. Die Beziehung endet tragisch, als Radcliffe (die später auch den Namen John trägt) sich in eine junge Frau verliebt. Nach einem Streit darüber erleidet ihre Freundin einen Schlaganfall, an dem sie schließlich stirbt. Erst als Radcliffe das Gefühl hat, Absolution von ihrer Verstorbenen Freundin bekommen zu haben, geht sie eine Beziehung mit der jungen Frau ein. Die Widmung "für uns drei" spielt darauf an.

Bewertung
:
Ich las dieses Buch, nachdem ich gehört hatte, dass es sich um einen Klassiker der homosexuellen Frauenliteratur handelt. Natürlich fragte ich mich, ob ein 1928 verfasster Roman heute noch geselllschaftliche Bedeutung haben kann. Selbst die Neuauflage, die ich gelsesen habe, ist bereits 20 Jahre alt.
Stellenweise bedarf es einiger Geduld, den Roman zu lesen. Man kämpft sich durch ettliche Seiten Schilderungen von Stephens (btw. eine kleine Besonderheit, die ich lustig finde: in völliger Überzeugung, einen Sohn zu haben, entscheiden sich Phillip und Anna für den Namen Stephen und behalten diesen bei, obwohl sie schließlich eine Tochter bekommen) Seelenleben. Vor allem vor dem Hintergrund, dass dieses Buch kurz nach seiner Veröffentlichung in einem spektakulären Prozess wegen Obszönität verboten wurde, ist es beinahe schon grotesk brav, wenn nicht gar vergleichsweise langweilig. Es wird nicht eine einzige erotische Szene geschildert, die über das Austauschen von Küssen hinausginge. Die Begriffe gleichgeschlechtliche Liebe oder Homosexualität finden sich im gesamten Roman nicht einziges Mal. Die geschilderten Charaktere sind absolut stereotyp - die homosexuellen Frauen sind fast ausnahmslos entweder verhinderte Männer wie Stephen oder junge, naive Mädchen. Einer lesbischen Frau im Jahr 2010 dürfte es schwer fallen, eine Identikationsfigur zu finden. Auch stellen sich viele der geschilderten Probleme heute auf den ersten Blick nicht mehr. Zumindest in der westlichen Gesellschaft muss heute niemand mehr wegen seiner sexuellen Neigung sein Land verlassen, und selbst Familiengründung ist heute für ein homosexuelles Paar möglich.
Ist "Quell der Einsamkeit" es also heute überhaupt noch wert, gelesen zu werden? Ich würde das mit einem eindeutigen Ja beantworten. Zunächst ist er ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument - zum ersten Mal wurde öffentlich über das Thema weibliche Homosexualität geschrieben; bisher waren viele homosexuelle Frauen tatsächlich der Meinung, eine krankhafte, perverse Neigung zu besitzen. Die wissenschaftlichen Studien (hauptsächlich von Havelock Ellis), auf denen das Buch basiert, mögen primitiv und wenig fundiert gewesen sein, dennoch trat zum ersten Mal der Begriff "Invertierte" (als Gegenbegriff zum bis dahin gebräuchlichen "Pervertierte") auf; Homosexualität wurde zum ersten Mal als Spielart der Natur statt als Krankheit angesehen.
Außerdem denke ich, dass sich an der inneren Zerrissenheit, die ein Jugendlicher beim Erkennen seiner homosexuellen Neigung durchlebt, seit Enstehen des Buchs nicht viel geändert haben dürfte. Der Kampf um die Entdeckung und schließlich Akzeptanz dessen, was und wer man ist, wird einem Jugendlichen auch in der Zukunft nicht erspart bleiben.
Nicht zuletzt sollte das Buch Anreiz geben, zu Überdenken, welcher gesellschaftlichen Ächtung, welchen täglichen kleinen oder größeren Schikanen und Herabwürdigungen Homosexuelle auch heute noch ausgesetzt sind. Die gesellschaftliche Akpeptanz von Homosexualität ist in Deutschland sicher deutlich gößer geworden, was aber nicht heißt, dass es nicht noch weiteren Aufklärungsbedarf gibt. Nicht vergessen werden sollten auch all jene, die noch heute wegen ihrer Homosexualität verfolgt und soagr getötet werden.

_________________
Zu den Steinen hat einer gesagt: 'Seid menschlich.'
Die Steine haben gesagt: 'Wir sind noch nicht hart genug.'
(Erich Fried)

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