Dark Poets

Die Seite für dunkle Poesie
Aktuelle Zeit: 14. Dez 2018, 13:53

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 4 Beiträge ] 
AutorNachricht
 Betreff des Beitrags: Rezension: Sibylle Berg - Ende gut
BeitragVerfasst: 11. Jan 2011, 10:10 
Offline

Beiträge: 216
Geschlecht: nicht angegeben
So, dann stelle ich mal eines meiner Lieblings-Bücher vor. Es trägt den schönen Titel „Ende gut“ und ist von Sibylle Berg.
Ein Buch zu lesen gilt ja gemeinhin als seelische und geistige Erbauung. Nun, dazu hat dieses Buch wenig beizusteuern. Vielmehr lässt Frau Berg dem Leser, der Leserin nur wenig Spielraum nicht depressiv zu werden. Nur - der Titel verrät es - der Schluss berücksichtigt das potentielle Leserbedürfnis nach ein wenig Harmonie. Allerdings ist bis zu diesem Punkt ein von ähnlichen Zugeständnissen freier, aber sonst äußerst ereignisreicher, gewalttätiger Weg zurückzulegen.
Die Geschichte selbst handelt von einer namenlosen Frau über 40, die sich in ihrem Leben „für kaum etwas bewusst entschieden“ hat und beginnt in einer beliebigen deutschen Großstadt. Anonym und apathisch lässt sie das Leben passieren. Arbeitet wird gekündigt, findet wieder Arbeit. Doch die meiste Zeit kommentiert sie ihre Umwelt auf eine Art und Weise, die ich nur als vernichtend umschreiben kann. Und so verstreichen die ersten hundert Seiten ohne dass ein besonderer Hang sichtbar wird, die Geschichte mit Sinn zu füllen.
Bis die Welt untergeht.
Terroranschläge, Seuchen, Pogrome und ähnliches Menschgemachtes zwingen die „Heldin“ ihre anonyme Stadt zu verlassen, zum ersten Mal hat sie das Gefühl, die Möglichkeit zu besitzen aus ihrem Laufrad des Alltäglichen auszubrechen, selbstverständlich nicht allzu hektisch, sondern nüchtern beobachtend verschlägt es sie, begleitet von allerlei Abstrusitäten, nach Hamburg, Berlin, Weimar, Amsterdam und endlich nach Finnland, dem scheinbar einzigen Ort auf der Welt in der vernünftige, weil unaufdringliche Menschen hausen, und der noch nicht von Terroranschlägen, Seuchen, usw. heimgesucht wurde. Dort findet die Heldin dann ihr kleines, privates happy end. Die restliche Welt ist freilich Schrott.
Soweit zum Inhalt. Es wäre jetzt einfach zu sagen: Die Geschichte ist unrealistisch, die Charaktere sind oberflächlich, die Gesellschaftskritik wohlfeil, der Pessimismus auf Dauer penetrant. Und all das stimmt auch.
Warum ich das Buch trotzdem für lesenswert halte? Nun, es glänzt mit schönstem schwarzen Humor, der seinesgleichen in der deutschen Literatur sucht.
Aber die eigentliche Stärke dieses Buches liegt vielleicht darin, dass das was wir, also die durchschnittlichen Wohlstandseuropäer, nur noch als Hintergrundrauschen wahrnehmen, Kontur bekommt: Die täglichen Katastrophen, die man nur aus den Nachrichten kennt, all die gescheiterten Leben in der unmittelbaren Nachbarschaft, das eigene tägliche Scheitern an den eigenen (kleinsten) Ansprüchen werden bis zur Groteske verstärkt. Das Lesen dieses Buches verschafft dadurch komischerweise eine gewisse Gelassenheit mit den eigenen Ängsten und Schwächen. Das Wissen um die Möglichkeit des eigenen Scheiterns auf niedrigstem Niveau wird neben die Möglichkeit des Scheiterns aller anderen gestellt und somit zur beruhigenden Normalität. Nämlich zu dem, was das Menschsein meistens ausmacht: dem Scheitern eben. Und vor diesem Hintergrund feiert das Buch eben auch das kleine Glück jenseits all der Hoffnungen nach Mehr, die uns Aufstehen machen. In diesem Sinne dient "Ende gut" doch noch als seelische Erbauung...


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Rezension: Sibylle Berg - Ende gut
BeitragVerfasst: 11. Jan 2011, 16:28 
Offline
Benutzeravatar

Beiträge: 141
Geschlecht: nicht angegeben
Titel: Von und zum Schein
hat mich neugierig gemacht, danke für den tip :)

_________________
Wortschmerzblüten


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Rezension: Sibylle Berg - Ende gut
BeitragVerfasst: 21. Jul 2013, 13:30 
Offline
Benutzeravatar

Beiträge: 44
Wohnort: Berlin
Geschlecht: männlich
Ein sehr lesenswerter Roman.

_________________
Humans need fantasy to be human. To be the place where the falling angel meets the rising ape.
- Terry Pratchett: "Hogfather"


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Rezension: Sibylle Berg - Ende gut
BeitragVerfasst: 12. Aug 2013, 16:48 
Offline
Admina

Beiträge: 73
Wohnort: Leipzig
Geschlecht: weiblich
Titel: die Liebende
Es scheint ein interessanter Roman zusein. Das gefällt mir sichtlich Buchvorschläge in dem Accound Dark Poet`s zuführen. Ein kleine Anregung hatte ich jedoch, welche aber keine Krittik ist. Ich hatte leicht Probleme den Text zu lesen. Aufgrund der Vielfältigkeit mache ein paar Absätze. Es sieht nicht nur schöner aus. Es liest sich sanfter in den Augen.

Im Gesamtschnitt gesehen beneide ich dich aber für deine Rezession. Ich habe vor drei Wochen auch eine geschrieben, aber durch dich erkannt was ich leicht verändern sollte. Diesbezüglich meinen Dank.

LE - Märchenfee


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 4 Beiträge ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
Gehe zu:  
cron
© phpBB® Forum Software phpBB3 Forum von phpBB8.de
» Kontakt & Rechtliches Support / Hilfe Forum Gooof Webdesign Kostenloses Forum Dein Forumo Forum web tracker
Gothic Toplist by nachtwelten