Dark Poets

Die Seite für dunkle Poesie
Aktuelle Zeit: 21. Jul 2018, 04:18

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 4 Beiträge ] 
AutorNachricht
 Betreff des Beitrags: Sammelthread: Rezensionen zu Büchern von Joseph Roth
BeitragVerfasst: 2. Apr 2011, 21:14 
Offline
Moderatorin
Benutzeravatar

Beiträge: 2301
Geschlecht: weiblich
Das Spinnennetz

Der Roman spielt zur Zeit des aufstrebenden Nationalsozialismus und beschreibt den Werdegang des Theodor Lohse, der aus einfachen Verhältnissen stammt. Noch als Student arbeitet er zunächst bei einer reichen jüdischen Familie als Hauslehrer, wo er sich heimlich in die Dame des Hauses verliebt. Dennoch ist er antisemitisch eingestellt und lässt sich mit Freuden abwerben - obwohl er zunächst nicht weiß, was seine neue Stellung überhaupt ist:
Lohse spioniert, denunziert (oft ohne jegliche Grundlage) und saugt sich Verschwörungstheorien aus den Fingern, die er an eine nationalistisch eingestellte Zeitung verkauft. Er hält beim Militär den Rang eines Leutnants inne und ist an der blutigen Niederschlagung von "Aufständen" beteiligt.

Bewertung

Romane von Joseph Roth abschließend zu bewerten finde ich persönlich allgemein sehr schwierig. Der Roman ist von 1923 und greift definitiv die zentralen Themen seiner Zeit auf (siehe oben). Der Autor heroisiert seinen Protagonisten nicht, er beschreibt eine grausame Wirklichkeit, wie sie durchaus stattgefunden haben könnte - obwohl die Gausamkeit kaum hervorgehoben wird. Gerade das macht den Roman so authentisch und gleichzeitig auch erschreckend: Es muss nicht immer ein Horrorfilm sein, der den eigentlichen Schrecken darstellt. Im Gegenteil, die Alltäglichkeit und Beiläufigkeit des Handelns Lohses spiegelt sehr gut die Wirklichkeit des NS wider.
Wenn man genauer in den Text hineinschaut und sich Zeit für die Formulierungen lässt, entdeckt man viele Anspielungen und Hinweise, viele "Sprüche", die sich auch verallgemeinern lassen und Details, die den Leser nachdenklich stimmen. Diese Aussagen kann man auch auf die anderen Romane von Joseph Roth beziehen, es sollte dennoch an dieser Stelle erwähnt werden.

Der Titel "Das Spinnennetz" tritt im Roman selbst nicht direkt in den Vordergrund. Allerdings wird an (glaube ich) zwei Textstellen sehr wohl auf eine Spinne und deren Netz verwiesen - als beiläufige Erwähnung, wie beides eben im Zimmer hängt und nach einer Saubermach-Aktion verschwunden sind. Kleinigkeiten, nach denen man suchen muss.
Der Titel ist im übertragenden Sinne jedoch sehr passend: Immer tiefer wird der Leser in die verworrene Landschaft des Settings hinein gezogen, immer weiter verstrickt sich der Protagonist Lohse in sein eigenes Konstrukt aus Halbwahrheiten und Lügen und verwickelt sich damit in zahlreiche Situationen, bei denen ich jedes Mal denke: Warum?

Man muss den Stil mögen, die ggf. die Entstehungszeit bedenken und sich in das Thema und die Geschichte hinein denken können - dann allerdings ist "Das Spinnennetz" ein absolut spannender Roman, den man gerne mehrmals liest. Und der bei jeder Lektüre neues von sich enthüllt.

_________________
Göthlicher als Goth
...und er dreht sich doch! :hmm:


Nach oben
 Profil Persönliches Album  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Sammelthread: Rezensionen zu Büchern von Joseph Roth
BeitragVerfasst: 15. Apr 2011, 14:48 
Offline
Moderatorin
Benutzeravatar

Beiträge: 2301
Geschlecht: weiblich
Hotel Savoy

Der gerade erst aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrte Gabriel Dan steigt im Hotel Savoy ab - mit dem Vorsatz, dort ein paar Tage, vielleicht auch eine Woche zu bleiben. Während seines Aufenthalts lernt er unterschiedliche Gäste kennen, die alle ihre eigene Geschichte mit sich bringen, die alle im Hotel Savoy unter ein Dach kommen. Der merkwürdige alte Liftboy und der ominöse Hotelwirt Kaleguropulos spielen in der Geschichte ebenfalls genauso eine wichtige Rolle, wie das alte, recht heruntergekommene Hotel selbst. Anhand dieses Hotels wird der Umbruch der Zeit und der Revolution vergegenwärtigt (das Buch wurde 1924 veröffentlicht) und endet im Jahr 1919 mit der politischen und gesellschaftlichen Umwälzung.

Bewertung

Auch bei diesem Buch von Roth muss man ganz klar feststellen, dass man seinen Stil mögen muss, um dieses Buch zu mögen - allerdings weißt es seine ganz besonderen Eigenarten und auch Stärken auf.
Die Gäste des Hotel Savoy sind ein wunderbar gemischter Haufen, doch eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind sehr skurril. Die Darsteller eines Varietés leben ihre Spleens ebenso aus, wie die wohlhabenderen Verwandten des Protagonisten; der Leser lernt sie sehr anschaulich kennen und damit lieben und hassen. Besonders interessant ist dabei, dass bis zum Schluss sich immer wieder neue Facetten ein und der selben Person offenbaren.

"Hotel Savoy" stellt Menschen in einer Zeit der Unsicherheit und Verzweiflung dar, die den Veränderungen scheinbar ausgeliefert sind, zugleich jedoch unbeteiligt scheinen. Insbesondere in Bezug auf diese Aspekte hat der Roman wenig an Aktualitöt eingebüßt und es macht auch einfach Spaß, beim Lesen immer weiter in die Welt der Charaktere einzutauchen und Dinge zu hinterfragen.

Einziger Kritikpunkt ist meiner Ansicht nach der Schluss, konkret die letzten paar Seiten. Dort kommt es noch einmal zu einigen Enthüllungen, die jedoch sehr gerafft wirken. Hier stellt sich Frage, ob diese Enthüllungen nicht anders präsentiert hätten werden sollen oder ob der Roman nicht ebensogut ohne sie ausgekommen wäre. (Beides ist sicherlich Geschmackssache.)
Trotz diesem Minuspunkt ist das Buch jedoch schon aufgrund der Charakterdarastellungen sehr empfehlenswert. :)

_________________
Göthlicher als Goth
...und er dreht sich doch! :hmm:


Nach oben
 Profil Persönliches Album  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Sammelthread: Rezensionen zu Büchern von Joseph Roth
BeitragVerfasst: 23. Apr 2011, 17:17 
Offline
Moderatorin
Benutzeravatar

Beiträge: 2301
Geschlecht: weiblich
Die Rebellion


"Die Rebellion" wurde 1924 veröffentlicht (im selben Jahr wie "Hotel "Savoy") und beschreibt das Weltbild des Protagonisten Andreas, der ein Invalide des ersten Weltkrieges ist. Anderas erscheint zunächst als eifriger Verfechter der "alten Tugenden" und ein großer Freund der Regierung, der sie mit geradezu religiösem Eifer verteidigt, wo er nur kann.
Anderas befindet sich in einem Spital für Invalide für ihn, das jedoch aufgelöst werden soll. Um sich wenigstens einen kleinen Unterhalt verdienen zu können, erhält der ehemalige Soldat einen Leierkasten und eine Lizenz zum Spielen. Anscheinend ohne Familie ist er auf sich allein gestellt und lebt in ärmlichen Verhältnissen, bis er seine Katharina findet. Doch die Geschichte hält noch weitere Wendungen für ihn bereit...

Bewertung

Am Anfang des Buches wusste ich um ehrlich zu sein nicht so recht, was ich davon halten soll, vor allem in Bezug auf den Protagonisten Andreas. Dieser ging mir zuerst tierisch auf die Nerven, weil er so gar keine eigene Meinung zu haben schien. Die Regierung ist toll, guckt mal, was die Regierung alles für uns (Invalide) tut - und ich bin ja so tugendsam und arbeite, anstatt zu betteln oder mich auf die faule Haut zu legen... :roll:
Im Laufe der Geschichte ändert sich dies allerdings etwas. Stellvertretend zitiere ich einen Satz von der vorletzten Seite:

Zitat:
Aus meiner frommen Demut bin ich erwacht zu rotem, rebellischen Trotz.

Joseph Roth, Romane und Erzählungen (Zweitausendeins 2010): Die Rebellion, S. 216

Es geht weniger um die Rebellion im Großen, als um die im Kleinen. Der schleichende Gesinnungswandel Andreas' steht repräsentativ für den "Umschwung" der Gesellschaft, der in der Realität jedoch (in dieser Form) erst später kam.

Ich möchte nicht zu viel verraten - nur so viel: Der Schluss wirft noch einmal ein ganz anderes Licht auf das Geschehen und hält einige Überraschungen parat, die man durchaus auch als skurril bezeichnen könnte.
lAbschließend lässt sich deshalb festhalten, dass ich das Buchtrotz meiner Anfänglichen Skepsis insgesamt als lesenswert empfinde.

_________________
Göthlicher als Goth
...und er dreht sich doch! :hmm:


Nach oben
 Profil Persönliches Album  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Sammelthread: Rezensionen zu Büchern von Joseph Roth
BeitragVerfasst: 10. Dez 2011, 12:21 
Offline
Moderatorin
Benutzeravatar

Beiträge: 2301
Geschlecht: weiblich
Hiob

Mendel Singer ist ein frommer Mann, der mit seiner Frau und seinen Kindern quasi im "Irgendwo" in einem Kaff lebt. Dennoch ist sein Leben vollkommen normal, bis sein jüngster Sohn geboren wird - denn Menuchim ist behindert. Doch eigentlich bricht auch dieses Schicksal über die Familie nicht wie ein Donnerschlag hinein; sicher ist jedoch, dass ihre Situation dadurch verändert wird.
Vor allem, als ein anderer Sohn Jahre später die Familie einlädt, zu sich nach Amerika zu kommen, wohin es ihn in der Zwischenzeit verschlagen hat. Denn Menuchim kann nicht mitkommen, mit ihm würde der Familie die Einreise verweigert.

Bewertung

Mal wieder geht es um Amerika, dieses Mal jedoch nicht ganz so einseitig-positiv, wie in anderen Roman von Joseph Roth. Um überhaupt einreisen zu können (man bedenke die damaligen Umstände) ist die Familie gezwungen, Menuchim zurückzulassen. Dies ist nur eine überraschende Wendung innerhalb der Geschichte, die am Anfang klar vorgezeichnet zu sein scheint.
Gerade diese Wendungen machen "Hiob" so interessant. Das Ende kommt relativ abrupt und verwirrend, doch auch dieses ist nur ein weiteres Beispiel für den "Wundertüten-Charakter" dieses Buches.
Der Titel "Hiob" ist übrigens lediglich als Analogie zu verstehen: Dabei gibt es allerdings auch keine zu offensichtlichen Parallelen zwischen der biblischen Geschichte und der wesentlich neueren von Roth. Wo genau die Parallelen liegen und welche bedeutenden Unterschiede es dennoch gibt, sollte jeder selbst heraus finden. ;)
Insgesamt kommt diese Geschichte sehr düster daher und hat ihre ganz eigene Aggression und Gewalt, auch wenn jene oft im Hintergrund bleibt und vielleicht nicht von jedem als solche bezeichnet werden würde. Trotzdem bleibt das Geschehen weitestgehend realistisch - bis hin zu einem Punkt, an dem das Buch dann doch sehr märchenhaft wird.

Fazit: Schön zu lesen, sehr mehdeutig geschrieben und absolut empfehlenswert, wenn man mal wieder aus dem Neuerscheinungs-Einheitsbrei ausbrechen möchte.

_________________
Göthlicher als Goth
...und er dreht sich doch! :hmm:


Nach oben
 Profil Persönliches Album  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 4 Beiträge ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
Gehe zu:  
cron
© phpBB® Forum Software phpBB3 Forum von phpBB8.de
» Kontakt & Rechtliches Support / Hilfe Forum Gooof Webdesign Kostenloses Forum Dein Forumo Forum web tracker
Gothic Toplist by nachtwelten