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 Betreff des Beitrags: Sammelthread: Rezensionen zu historischen Romanen
BeitragVerfasst: 3. Nov 2010, 14:59 
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Pauline Gedge – Pharao

Die blühende Regentschaft des Pharaos Amhenotep III. neigt sich dem Ende. Der Gottherrscher liegt krank darnieder. Unter Intrigen wird sein Nachfolger Amhenotep IV. in Stellung gebracht, das mächtigste Land unter der Sonne zu regieren. Die allgegenwärtige Sonne überflutet das reiche Ägypten und verweist die anderen Gottheiten auf nachrangige Plätze. Denn Amhenotep IV. ist fest davon überzeugt, dass es nur einen einzigen wichtigen Gott, die Sonnenscheibe Aton gebe. So lässt er sich umbenennen in Echnaton und zusammen mit seiner Angetrauten Nofretete zieht er um in die Stadt Achet-Aton, das neue Zentrum der Welt.

Aufgebaut ist der historische Roman als Familiensaga voller Intrigen, denn Macht macht verführerisch. So buhlen Teje als Mutter und Große Königsgemahlin, Nofretete als Königin, Eje als Fächerträger zur rechten Hand und Haremhab als Oberster Heerführer um die Gunst des Pharaos, der sich aber weniger um das Land als um die Einführung des Monotheismus kümmert.

Aufstieg, Niedergang und Fall des ungeliebten Pharaos werden mit bewegenden mystischen Bildern dargestellt und einer ganz eigenen, orientalischen Atmosphäre. Im Mittelteil ist das Buch etwas langatmig zu lesen, doch der drastische Verfall am Ende der Herrschaft Echnatons stellt das gruftige Lesevergnügen wieder her.


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 Betreff des Beitrags: Sammelthread: Rezensionen zu historischen Romanen
BeitragVerfasst: 2. Okt 2011, 13:55 
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Ariana Franklin,
Die Totenleserin

Im Cambridge des Jahres 1170 verursacht ein kleiner Junge große Probleme. Dieser Junge nämlich wurde tot aufgefunden und ist angeblich von Juden gekreuzigt worden. Der Herrscher fürchtet das finanzielle Fiasko, das ein Lynchen der jüdischen Bevölkerung durch die aufgebrachten Christen bedeuten würde. Deshalb sorgt er dafür, dass im Auftrag des Königs von Sizilien drei Personen gesandt werden, um den grausamen Mord an dem Kind aufzuklären.
Diese Gruppe könnte ungewöhnlicher nicht sein: Der versprochene Totenarzt ist eine Frau mit Namen Adelia, der geniale Ermittler ist der Jude Simon und begleitet werden sie vom kriegerischen Mansur, einem Moslem. Sie ermitteln geheim, denn der Täter darf nicht gewarnt und das Volk nicht gegen sie aufgebracht werden. Mansur gibt sich als Arzt aus und Adelia scheint lediglich als Assistentin und Übersetzerin zu wirken, während in Wahrheit sie es ist, die die Kranken in der provisorischen Praxis behandelt, um die Tarnung aufrecht zu erhalten.
Bald schon ist jedoch die Gruppe selbst in Gefahr und die Geschichte nimmt ihren Lauf.

Das Frauenbild

Das Frauenbild spielt in diesem Roman eine zentrale Rolle, sodass dieses Element im gesamten Buch zu finden ist. Es ist sehr modern geprägt und emanzipatorisch im Sinne einer Alice Schwarzer, also auch von einer dominanten Art von Weiblichkeit geprägt. Repräsentiert wird das Frauenbild vor Allem durch die Protagonistin Adelia, die nicht nur einen für ihre Zeit sehr ungewöhnlichen Beruf als Ärztin und Pathologin ausübt, sondern auch alles andere als mittelalterliche Vorstellungen von Ehe vertritt. Sie ist der festen Überzeugung, sich keinem Mann unterordnen zu dürfen und ist auch nicht für ihre große Liebe bereit, ihre Freiheit aufzugeben. Adelia tritt als kämpferische Natur auf, die ihre Meinung frei äußert und auf diplomatische Formulierungen wenig wert legt.
Gleichzeitig ist das Frauenbild in diesem Buch auch darauf ausgelegt, die schwache Seite hinter der scheinbar starken Seite zu zeigen. So spricht Adelia in Gedanken mit ihrer verstorbenen Amme und sucht bei ihr Unterstützung und Rat. Damit werden Freiheit und Selbstständigkeit, sowie Bodenständigkeit und Emanzipation zugleich auch revidiert. Das Gleiche geschieht in Bezug auf das weibliche Erscheinungsbild. Die Autorin betont an zahlreichen Textstellen, wie wenig wert die Protagonistin auf ihr Aussehen legt - doch erst einmal in angemessene Kleidung gesteckt und herausgeputzt gibt sie einen hinreißenden Anblick ab und findet auch selbst Gefallen daran.
Die Rolle als Verführerin ist eine sehr alte den Frauen zugeschriebene, welche auch hier aufgegriffen wird. Allerdings arbeitet die Protagonistin nicht als aktive Verführerin, sondern verführt gewissermaßen "nebenbei", einfach durch ihre charakteristische Art.

Das Männerbild

Dementsprechend ist das Männerbild, das in "Die Totenleserin" dargestellt wird, sehr zwiespältig. Zum einen gibt es jene Männer, die gebildet, klug und ebenfalls emanzipiert genug sind, um eine dominante(re) Frau in ihrer Mitte zu akzeptieren und gerade deshalb wertzuschätzen. Ein solcher Mann ist auch der Adelige Rowley Picot, der mit Adelia am Ende des Buches eine Affäre hat. Nach außen hin gibt er sich typisch männlich und patriarchalisch, doch in Wahrheit bewundert er die Stärke von Frauen wie Adelia.
Eine Vielzahl der Männer in diesem Buch entspricht jedoch dem Klischee eines rohen, wilden und ungewaschenen Kerls, der Frauen erniedrigt, rechthaberisch ist und absolute Macht und Kontrolle anstrebt. Dieser Typus verachtet Adelia für ihre Fähigkeiten (obwohl sie diese nicht vollkommen kennen) und sind von Neid geplagt, welcher sie zu allerlei Machtdemonstrationen und Racheplänen hinreißen lässt. Zudem werden Männer als grundsätzlich gewaltbereit und brutal dargestellt, auch im sexuellen Sinne: "bei den wenigen Fällen, die auch nur annähernd an die sexuelle Brutalität heranreichten, die sie [Adelia] hier vorgefunden hatte, waren Männer die Täter gewesen, immer nur Männer" (A. Franklin, Die Totenleserin; Knaur Taschenbuch 2009, S. 163). Auch allgemein erfolgt die Darstellung der Männer ausnahmslos als sexualorientiert, triebgesteuert und damit zusammenfassend primitiv.
Schließlich gibt es noch die Männer des einfachen Volkes, die "hart aber herzlich" zunächst misstrauisch gegenüber den Fremden sind und ein patriarchalisches Weltbild besitzen, jedoch auch die erbrachten Leistungen von Frauen, insbesondere der Protagonistin, zu schätzen wissen.

Die Religionen

Religion spielt in diesem Roman eine Große Rolle. Vor Allem die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam stehen dabei im Mittelpunkt. Repräsentiert werden sie durch jeweils einen der drei Protagonisten Simon, Adelia und Mansur. Dabei entsprechen die markantesten Charaktereigenschaften der Figuren Klischees aus der Sicht einer Autorin einer christlich geprägten Welt gegenüber diesen Glaubensrichtungen: Der Jude ist intelligent, gebildet und sanftmütig, die Christin emanzipiert, in jeder Hinsicht modern und vereint Rationalität mit durchaus religiösen Elementen; der Moslem wird als kämpferischer Schelm dargestellt, der sich vor der Anwendung von Gewalt nicht scheut und gerne seine Kraft und Überlegenheit demonstriert, jedoch nicht zu Gewaltverherrlichung und Sadismus neigt.
Mit Sätzen wie "die Mönche von Canterbury müssen sich eine goldene Nase verdienen" (A. Franklin, Die Totenleserin; Knaur Taschenbuch 2009, S. 7) oder illustren Beschreibungen von fettleibigen Geistlichen werden auch hier vor Allem vorurteilsbelastete Bilder gezeichnet, die in erster Linie eine Abneigung gegenüber der mittelalterlichen Form des Christentums deutlich machen, welche der heute gängigen Meinung entspricht.
Dennoch beinhaltet „Die Totenleserin“ zahlreiche indirekte Appelle zu mehr Toleranz und Akzeptanz gegenüber Andersgläubigen und greift damit eines der derzeit aktuellsten religiösen und politischen Anliegen auf. Die Trinität der Protagonisten steht zudem für eine Einheit der drei großen monotheistischen Religionen und zeichnet eine harmonische und sich gegenseitig ergänzende Alternative zur Rivalität und Abneigung, die durch zahlreiche Nebenfiguren und vor Allem durch die Antagonisten des Romans repräsentiert wird.

Der historische Anspruch

Als historischer Roman einer Autorin, die mittelalterliche Geschichte studierte und im Internet ausführlich ihre fünfzehnjährige (!) Recherche beschreibt, erhebt das Buch einen Anspruch darauf, zumindest im Groben authentisch zu sein. In Bezug auf das mittelalterliche Stadtbild, die verschiedenen Transportmittel und die Bevölkerungsdichte und -struktur etc. wird dieser Anspruch weitestgehend erfüllt. Abseits jeder historischen Realität sind jedoch das dargestellte Frauen- und Männerbild (s.o.), die vertretenen Vorstellungen von Hygiene und Ernährung, das religiöse Weltbild (s.o.) und zahlreiche Details. So gibt es beispielsweise Anspielungen auf Holocaustgedanken und Rassenideologien in einer Form, wie man sie im 20. Jhdt. findet, sowie die Nennung von Schuhgrößen, die in England erst im 14. Jhdt. auftauchten. Trotz durchaus richtiger und gut recherchierter Elemente ist der Gesamteindruck des Romans deshalb ein sehr unseriöser, da die tatsächlichen historischen Bedingungen nur am Rande eine Rolle spielen.
Inwieweit der Beruf der Protagonistin eine historische Realität abbildet, ist umstritten. Es liegt im Bereich des theoretisch Möglichen, dass es eine Frau wie Adelia bereits im 12. Jhdt. gab, jedoch ist die Kombination der im Roman dargestellten Umstände von Weltbild, Emanzipation, Wissenschaft und Berufsbild höchst unwahrscheinlich.

Zwischenfazit: Für dieses Ergebnis wirkt eine derart lange Zeit der Recherche eher ironisch als beeindruckend. ;)

Der Stil

Der Schreibstil der Autorin ermöglicht ein flüssiges Lesen und erfordert nur wenig an Konzentration, da die Formulierungen durchgängig sehr einfach gehalten sind, weshalb sie sich sehr gut für eine leichte Unterhaltungslektüre eignen.
Die Erzählperspektive ist überwiegend die eines auktorialen Erzählers, der aus der Perspektive der Protagonistin das Geschehen schildert. Allerdings ist dies nicht konsequent angewandt, sodass es im Roman einige unpassende Perspektivwechsel wie den folgenden gibt:

„Adelia verließ den Raum, während Simon weiter wetterte. Es gab einen Menschen hier in der Burg, der ihr sagen konnte, was sie wissen wollte.
Als sie auf dem Weg in den Hof die Halle durchquerte, bemerkte sie der Steuereintreiber. Er ließ den Sheriff Sheriff einen Moment allein, ging zu seinem Knappen und gab ihm eine Anweisung. [...]
Adelia schritt über den sonnenbeschienenen Hof [...]. Sie erkannte diejenige, zu der sie wollte, [...].“
(A. Franklin, Die Totenleserin; Knaur Taschenbuch 2009, S. 187)


Die Übersetzung

Die Übersetzung wurde von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann angefertigt und ist weitestgehend flüssig und gut lesbar gehalten. Der Originaltitel lautet „Mistress of the Art of Death“ und wurde somit für die deutsche Fassung abgewandelt. Hier ist allerdings ein Einfluss des Verlages zu vermuten, da im Deutschen historische Romane in Mode sind, die den Titel „Die [Berufsbezeichnung einfügen]“ tragen.

Fazit

Spannend wie eine Raufasertapete und authentisch wie Hitlers Tagebücher.

Quellen

A. Franklin, Die Totenleserin; Knaur Taschenbuch 2009,
http://www.mistressoftheartofdeath.com

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...und er dreht sich doch! :hmm:


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 Betreff des Beitrags: Re: Sammelthread: Rezensionen zu historischen Romanen
BeitragVerfasst: 12. Dez 2011, 19:22 
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Edward Bulwer-Lytton,
Die letzten Tagen von Pompeji

Schauplatz: Das berühmte Pompeji der Antike. Der reiche Adelige Glaukus verehrt die Waise Jone. Doch beide geraten in das Intrigenspiel des ägyptischen Priesters Arbaces, der der Vormund Jones ist, diese jedoch zur Frau zu nehmen beabsichtigt. Doch sie durchschaut zusammen mit ihrem Bruder Apäcides, dass ihr gemeinsamer Vormund es nicht nur gut mit ihnen meint. Die beiden stellen fortan eine Gefahr für den mächtigen Isispriester dar. Im Ringen um Liebe, Recht und Wahrheit entspannt sich ein menschliches Drama in den letzten Tagen von Pompeji.

Bewertung

Der Roman erschien zum ersten Mal 1834 - diesen Umstand sollte man berücksichtigen, wenn man sich seiner Lektüre widmet. Dementsprechend ist die Sprache recht blumig und ausschweifend gehalten, allerdings so, dass es ein Vergnügen ist, die Sätze wirken zu lassen. Wer diesen Stil gewohnt ist oder sich einlesen kann, wird deshalb sicherlich seine Freude an dem Buch finden.
Die Geschichte glänzt vor Allem durch das durch und durch Menschliche, das dem Leser an allen Ecken und Enden begegnet. Dazu kommt, dass die einzelnen Charaktere sehr gut ausgearbeitet sind und ein plastisches Eigenleben besitzen. Selbst Nebenfiguren sind nicht bloß blasse Funktionsträger, sondern haben ihre eigenen Motive und Handlungsabsichten, die in die Geschichte mit einfließen.
Der Autor neigt dazu, bestimmt historische Umstände im Text zu erklären. An einigen Stellen ist das definitiv "zu viel des Guten", an anderen Stellen wiederum passt die Art und Weise, wie die Informationen einfließen wieder. Im Gegensatz zu den meisten modernen historischen Romanen verzerren "Die letzten Tage von Pompeji" historische Tatsachen und Fakten kaum. Die "Verzerrung" findet eher auf der Ebene statt, dass Pompeji im Grunde genommen lediglich Kulisse und Rahmen für ein geradezu klassisches Drama darstellt. Allerdings ist dies insofern wieder passend, als dass auch in der griechisch-römischen Antike Dramen die Form hatten, die sie auch in der Neuzeit noch haben.

Obwohl die Handlung spannend ist und einige Wendungen parat hält, sollte man Freude am Lesen und an schönen Formulierungen haben, wenn man zu diesem Buch greift. Hektische Szenenwechsel und reißerische Plattheiten wird man hier eher nicht finden. Insofern bietet der Roman auch eine (mir zumindest) willkommene Abwechslung von reiner Konsum-Literatur.

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